Geschichte Kriegergedächtniskapelle

Eigentümer: Markt Murnau, betreut vom Krieger- und Soldatenverein
Errichtet 1923, unter Denkmalschutz seit 2017

Nach den napoleonischen Befreiungskriegen Anfang des 19. Jahrhunderts entstanden die ersten Denkmale für gefallene Soldaten. Der Erste Weltkrieg steigerte das Bedürfnis nach einem Gedenken vor Ort, da die Gefallenen meist auf Soldatenfriedhöfen nahe der Schlachtfelder in europäischen Nachbarländern ihre letzte Ruhestätte gefunden hatten. Die Niederlage im Ersten Weltkrieg führte auch zu einem übersteigerten Nationalismus. In diesem Kontext kommt Denkmälern eine identitätsstiftende Funktion zu.

In zahlreichen Orten wurden in den 1920er Jahren Kriegerdenkmäler eingeweiht, z.B. 1922 in Hechendorf, Penzberg und Weilheim, 1924 Partenkirchen, 1925 Bad Bayersoien, 1927 Bad Tölz.
In Murnau bildete sich 1921 ein Komitee, dem u.a. Bürgermeister Sebastian Utzschneider, Pfarrer Josef Wiedenmann und Prof. Carl Mayr-Graz, der Schwager von Emanuel von Seidl, angehörten. Die Finanzierung erfolgte durch zivilgesellschaftliches Engagement. Zu den zahlreichen Spendern gehörte auch der Vater des Schriftstellers Ödön von Horváth. Der in Murnau lebende amerikanisch - jüdische Bankier, Kunstsammler und Mäzen James Loeb stellte 100 Dollar zur Verfügung – in Zeiten der Hyperinflation ein Vermögen. Für seine Spende wurde Loeb von der NSDAP-Ortsgruppe Murnau massiv angefeindet.

Der Gemeinderat entschied sich in seiner Sitzung vom 29. November 1922 für den opulenten und damit auch etwas teureren Entwurf des Architekten Gustav Reutter (1894-1971). Die feierliche Einweihung am 22. Juli 1923 wurde mit einem Festzug unter Beteiligung von 37 Vereinen, 4 Musikkapellen und rund 1000 Menschen begangen.

Die Wahl des Platzes, vor dem Eingang zum Friedhof, hat starken symbolischen Charakter. Nur wenige Meter von diesem Standort entfernt befand sich das erste Kriegerdenkmal, das 1879 zum Gedenken an die Gefallenen des Deutsch-Französischen Krieges von 1870/71 errichtet wurde.

Die Kapelle präsentiert sich als ein neubarocker, oktogonaler Zentralbau mit Kuppel und Laterne. Dem Eingang vorgelagert ist ein Portikus mit toskanischen Säulen und Pilastern. Eine Pietà im Innern, geschaffen von dem Münchner Bilderhauer Georg Müller, versinnbildlicht Trauer und Leid. An den Wänden erinnern Namenstafeln an die Gefallenen und Vermissten der napoleonischen Feldzüge, der Kriege von 1866 und 1870/71 sowie des Ersten Weltkriegs.

Sowohl die Gestaltung der Gedenkstätte als auch die Wortwahl „Unsern Helden" ist zeittypisch.
1951/52 erfolgte eine Umgestaltung des Platzes vor Kapelle. Zur Erinnerung an die Gefallenen des Zweiten Weltkriegs wurden an den Außenmauern des Friedhofs Gedächtnistafeln angebracht. Die Einweihung erfolgte am 23. März 1952. In den 1990er Jahren ersetzte man die zwischenzeitlich verwitterten Tafeln.
Am Volkstrauertag findet vor Kapelle eine Gedenkveranstaltung statt.

Literaturhinweise:
Göttler, Norbert; Tworek, Elisabeth: Kriegerdenkmäler in Oberbayern. Von der Heldenverehrung zum Friedensmahnmal, Regensburg 2023.
Röttinger, Annika: „Den Gefallenen zum Gedenken"- Kriegerdenkmäler als Ausdruck der Erinnerungskultur in den Landkreisen Garmisch-Partenkirchen und Bad Tölz/Wolfratshausen, in: Jan Borgmann, Monika Kania-Schütz (Hrsg.): Eine neue Zeit. Die „Goldenen Zwanziger" in Oberbayern, München 2019.

Feldman, Deborah: Überbitten. Eine autobiographische Erzählung, Originalausgabe 2017, 2. Auflage München 2019.

Die Kriegergedächtniskapelle fand 2017 Eingang in die Literatur:
Deborah Feldman, geboren 1986 in New York und aufgewachsen in einer streng religiösen Gemeinde, macht sich in ihrer autobiographischen Erzählung „Überbitten" auf die Suche nach ihren Vorfahren in Europa. Ihr Weg führt sie, scheinbar zufällig, nach Murnau – und vor das Kriegerdenkmal, wo sie über die Bezeichnung „Unseren Helden" [richtig „Unsern Helden"] ins Grübeln kommt.

Später erfährt die Autorin, dass ihr Urgroßvater einen Bezug zu Murnau aufweist: Gustav Spielmann studierte an der Ludwig-Maximilians-Universität in München und promovierte 1934 über „Verdingungspolitik in München und Nürnberg 1905-1930." Seine Doktorarbeit ließ er in Murnau in der Druckerei von Josef Fürst, dem Herausgeber des „Murnauer Tagblatts", drucken. Außerdem verfasste Gustav Spielmann ein Buch über die Logen, das möglicherweise in Murnau entstand. Die näheren Hintergründe für diesen Zusammenhang mit Murnau ließen sich bisher leider nicht klären.
Gustav Spielmann und seine Familie konnten sich vor den Nationalsozialisten nach England retten.

Marktarchiv Murnau, 2023