Murnaus Wappen

Murnaus Wappen. © Markt Murnau a. Staffelsee

Der Lindwurm, Murnaus Wappentier

„In Silber ein linkshin gewendeter, widerschauender grüner Lindwurm", so lautete die zeitgenössische Beschreibung von Otto Hupp (1859–1949). Der Experte für Heraldik überarbeitete zwischen 1894 und 1912 alle Ortswappen im Königreich Bayern, darunter auch das von Murnau a. Staffelsee.

Wie kam nun der Lindwurm in das Murnauer Wappen? Beginnen wir mit einer Begriffsbestimmung: „LINDWURM, m. drache, ahd. lintwurm, linduurm, mhd. lintwurm, eine tautologische Zusammensetzung, in welcher das schon im ahd. sehr seltene einfache lint schlange durch wurm, in eben derselben bedeutung erklärt wird" (Jacob / Wilhelm Grimm 1885). Das Wort war im 17. Jahrhundert in Vergessenheit geraten. Später wurde es in poetischer Sprache wieder aufgenommen, allerdings zunächst ohne Kenntnis der eigentlichen Bedeutung. Dies führte in Christoph Martin Wielands Epos „Oberon" (1780) zu der Dichtung:

„(der bräutigam ist) ein prinz, den alle welt
der schönen Rezia vollkommen würdig hält,
und doch – gesagt im engesten vertrauen –
sie liesze lieber sich mit einem lindwurm trauen."

Bei Ludwig Uhland, der sich mit mittelhochdeutscher Dichtung beschäftigte, findet der Lindwurm im Zusammenhang mit dem Hl. Georg Erwähnung:

„wie er (St. Georg) in des lindwurms rachen
Mächtig sticht den heiligen schaft."

Zahlreiche Sagen ranken sich um das Wappentier und die Herkunft des Namens Murnaus. Es ist wahrscheinlich, dass das Wappenbild auf eine sagenhafte Deutung des Ortsnamens als "Wurmau" zurückgeht. Einen hübschen Erklärungsversuch lieferte Mitte des 18. Jahrhunderts Franz Sales Gailler, Dekan in Raisting und Verfasser der „Vindelicia Sacra":

„Wurmsau sei, wie man sagt, der erste Name des Ortes gewesen, als ob man es als Au der Würmer bezeichnen wollte. Daher trägt es einen größeren geflügelten Lindwurm oder Drachen im Wappen. Da der Name aber gewissermaßen unfein und etwas schwer auszusprechen war, entstand, wie so oft, durch den Volksmund das weichklingende Murnau, nachdem es nacheinander Murnoue oder Murnawa ausgesprochen worden war."

Max Dingler beschäftigte sich in seinem Ortsführer von 1910 ebenfalls mit der Namensherkunft:

„Über die Entstehung des Wortes Murnau hört man zumeist zweierlei Deutungen. Nach der einen hieß Murnau früher Wurmau oder Wurmesau, von einem Lintwurm her, der in der Gegend hauste und zu Kaiser Ludwigs Zeit erlegt wurde. Nach der andern stammt der Name von dem großen Moor und ist zusammengesetzt aus Moor und Au. Das mit dem Lintwurm ist eine sehr fragliche Sache, denn einerseits stand Murnau lange vor Kaiser Ludwig, andererseits heißt es bereits in den allerältesten Urkunden Murninsowe, Murnouve, Murnawa, nie Wurmesau, wie der Dekan Gailer von Raisting in seinem schon erwähnten Buche meint."

Damit stimmt Dingler mit der heute vorherrschenden Meinung überein, die eine Ableitung von „muorin ouwe" (sumpfiges, morastiges Wiesenland) annimmt.

Die Flurbezeichnung „Drachenstich" (in der Nähe der Kirche St. Georg am Rande des Murnauer Mooses) könnte auf eine schon sehr alte Drachensage hindeuten. Ob diese allerdings tatsächlich bis ins 8. Jahrhundert zurückreicht und im Zusammenhang mit dem Hl. Magnus steht, der im Drachenkampf in Kempten und Füssen in der Sage erscheint, bleibt offen. Die Murnauer Drachensage wird in verschiedenen Versionen mit unterschiedlichen Schauplätzen und Personen wieder gegeben. Professor Sepp hat eine Variante „Der Drachenkampf zu Murnau" in seine Sammlung von 1876 aufgenommen.

Max Dingler erzählt die Sage vom schrecklichen Drachen auf der Insel Wörth, der durch den Schusterbuben Georg unter Beistand eines Einsiedlers namens Magnus mit einer mit ungelöschtem Kalk gefüllten Kalbshaut überlistet wurde. „Vater Magnus nickte beifällig und konnte nicht umhin, sich und seinen jungen Freund mit ihren Schutzpatronen, den Drachentötern Magnus und Georg, zu vergleichen." In ähnlicher Form war diese Sage durch Elise Ris in den „Jugendblätter für Unterhaltung und Belehrung" von 1895 wieder gegeben worden – mit einer eindrucksvollen künstlerischen Umsetzung.

Viele frühe Stadt- und Marktsiegel sind sog. "redende" Wappen, die mit der tatsächlichen Bedeutung des Ortsnamens oft wenig zu tun haben. Wann der Lindwurm im Murnauer Wappen auftaucht, ist nicht sicher zu bestimmen. Das erste unbeschädigte Gemeindesiegel stammt aus dem Jahr 1374.

Das Siegel ist ein Rechts- und Beglaubigungsinstrument. Wann dem Markt Murnau das Recht der Siegelführung vom Landesherrn verliehen wurde, bleibt unklar, könnte aber im Zusammenhang mit der Privilegierung als Marktort stehen. Da diese Urkunde des Landesherrn (Herzog Ludwig der Bayer) offenbar bereits vor 1350 spurlos verschwand, bleibt bis heute das genaue Datum der Marktrechtsverleihung im Dunkeln. Das am Murnauer Rathaus genannte Jahr 1322 ist denkbar, kann aber nicht belegt werden. Die erste Nennung Murnaus als „marcht" erfolgte 1329 im Hausvertrag von Pavia.

Ein erstes unbeschädigtes Gemeindesiegel – es zeigt den Lindwurm – stammt von 1374: Der Markt Murnau siegelte zusammen mit zahlreichen anderen Märkten und Städten in Oberbayern am 25. November 1374 den sog. Grossen Brandbrief (Freibrief), der verschiedene Anordnungen zur Wahrung des Landfriedens beinhaltet. Weitere Siegel des Marktes Murnau aus dem 14. Jahrhundert sind überliefert auf einer Urkunde von 1390 des Klosters Steingaden sowie am Freibrief von 1392.

Die Tatsache, dass der Markt Murnau die beiden Freibriefe von 1374 und 1392 mit siegelte, ist für das Selbstverständnis des Ortes in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts interessant: In den Jahren nach dem Tod von Kaiser Ludwig dem Bayer waren die Rechte – und hier insbesondere im Hinblick auf das Kloster Ettal – umstritten. Noch im 18. Jahrhundert fand die Bezeichnung „Wir Burgermeister, und Rath des kaiserl. gefreyten Markts Murnau" auf Briefköpfen Verwendung – die Streitigkeiten mit dem Kloster Ettal als Grund- und Lehensherr zogen sich durch die Jahrhunderte.

Murnau steht nicht allein mit dem Lindwurm im Wappen: Die Städte Klagenfurt und Ljubljana (Laibach) führen ihn ebenfalls. Das Wappen des niederbayerischen Marktes Wurmannsquick (Landkreis Rottal-Inn) zeigt ein zu Murnau fast identisches Wappentier, unterschieden nur durch die Blickrichtung. Und natürlich wurde der Lindwurm vielfach zum Werbeträger: Ein besonders hübsches Exemplar ziert den Bierfilzl der traditionsreichen ehemaligen Pantl-Brauerei in Murnau, die 1979 ihre Produktion einstellte.

 

Auszug aus: Marion Hruschka: Der Lindwurm – das Murnauer Wappentier, in: 1911-Kandinskys Reiter für den Almanach. Katalog zur Ausstellung im Schloßmuseum Murnau, hgg. vom Schloßmuseum des Marktes Murnau, Rosenheim 2011, 42-50.

 

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